Kaum ist Joachim Gauck klarer Favorit für die Wahl zum Bundespräsidenten, äußern sich manche besorgt darüber, welche Haltung er wohl zur Integration und ausländischen Mitbürgern in Deutschland hat. Der ein oder andere erinnert sich nun an Äußerungen, die Gauck vor einiger Zeit über Thilo Sarrazin gemacht hat. Bei dem, was manche Kommentatoren und Medien jedoch schreiben, muss man den Eindruck bekommen, Sarrazin sei aus Sicht von Gauck ein dufter Typ, dem er in allen seinen Äußerungen über Migranten zustimme. Das ist jedoch nachweislich nicht der Fall.
Schauen wir uns deshalb zwei Interviews noch einmal genauer an, denn darin setzt sich Gauck differenziert mit Sarrazin auseinander. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (2010) nennt Gauck Sarrazin einerseits “mutig“, weil er auf “ein Problem hinweist, das nicht ausreichend gelöst ist“, womit er höchstwahrscheinlich Mängel bei der Integration von Migranten meint. Andererseits lehnt Gauck Sarrazins Äußerungen ab, in denen dieser mit Biologie und Vererbung argumentiert.
“SZ: Herr Gauck, Sie sagen, mutige Politiker seien Ihnen lieber. Ist Thilo Sarrazin mutig?
Gauck: Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich mit dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander – darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird.
SZ: Haben Sie sein umstrittenes Buch Deutschland schafft sich ab gelesen?
Gauck: Nein, habe ich nicht. Aber wie ich die Debatte verfolgt habe, gibt es eben einen Teil, wo man sagen muss: Da weist er auf ein Problem hin, das nicht ausreichend gelöst ist. Das andere sind seine biologistischen Herleitungen.
SZ: Sarrazins Thesen von erblich weniger intelligenten Kindern bei bestimmten Gruppen.
Gauck: Wenn er das so behauptet, dann würde ich das auch kritisieren. […]“
Später sagt Gauck zu der SZ-Frage: “Wie würden Sie das deutsche Integrationsproblem beschreiben?
Gauck: Es besteht nicht darin, dass es Ausländer oder Muslime gibt – sondern es betrifft die Abgehängten dieser Gesellschaft. Darum erscheint es notwendig, und das ist meine Kritik an Sarrazin, genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen.”
Der Tagesspiegel berichtet über ein früheres Gauck-Interview: “Dem früheren Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen Sachbuches “Deutschland schafft sich ab”, Thilo Sarrazin, attestierte Gauck, “Mut bewiesen” zu haben. “Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.”
Fassen wir noch einmal zusammen: Gauck lehnt klar und deutlich Aussagen ab, die Migranten unterstellen, sie seien aufgrund ihrer Gene, ihrer Natur (oder wie auch immer man einen biologischen Hintergrund ausdrücken will) anders als Deutsche. Gauck verurteilt Rassismus damit eindeutig. Er stimmt Sarrazin allem Anschein nach lediglich in der Aussage zu, wonach es in Deutschland allgemein gesagt unterschiedliche Probleme mit der Integration von Migranten gibt.
Von diesen Zwischentönen ist nicht nur bei empörten Kommentatoren in Online-Auftritten von Zeitungen nichts mehr übrig, sondern auch bei manchen Medien:
Der Focus vereinfacht Gaucks Haltung gegenüber Sarrazin beispielsweise sehr: “Er klang mit diesem Satz eher nach Thilo Sarrazin. Kein Wunder: Den findet Gauck gut – weil er Mut hat, Finger in Wunden zu legen, und obwohl er Sozialhilfeempfängern kalte Duschen zumuten würde oder in der Debatte zu seinem Deutschland-schafft-sich-ab-Buch über ein Juden-Gen sprach.“
Wie Gauck sich über genetische Argumente geäußert hat, wissen wir nun: klar ablehnend. Wer nur den Focus gelesen hat, weiß es möglicherweise nicht. Was der Focus schreibt, ist also nicht die Unwahrheit. Aber spätestens seitdem Ex-Bundespräsident Wulff vor dem niedersächsischen Landtag nur die halbe Wahrheit gesagt hat, wissen wir, dass auch das in der Regel nicht ausreicht.
Die Deutsch Türkischen Nachrichten schreiben ebenfalls nur über Gaucks Äußerungen, er nenne Sarrazin “mutig”. Gleich darauf verweisen sie auf Sarrazins ”Gen-Theorien”, doch auch hier findet sich kein Wort von Gaucks Ablehnung in diesen Punkten.
Die Frankfurter Rundschau klärt ihre Leser über Gaucks Position zu Sarrazins Äußerungen mit Ausnahme des “Sarrazin ist mutig” nicht weiter auf, sondern verlinkt bequem auf einen Blogger, der schreibt “Ja SUPER, genau das brauchen wir jetzt, noch mehr Ausländerhetze und sinnentleerten Populismus auf Kosten von Minderheiten.” Liebe FR, durch etwas mehr Recherche hätten Eure Leser die Möglichkeit gehabt, sich durch die vollständigen Zitate Gaucks ein eigenes Bild zu machen.
Jörg Lau hingegen springt in der Zeit für Gauck in die Bresche und rät den Lesern, genau hinzuschauen. Er schreibt außerdem: “Es wäre ungerecht, Gauck auf diese Äußerung zu reduzieren. In einem ganz wertfreien Sinn hat er schließlich Recht, dass Sarrazin Mut gezeigt hat. (Über Sinn und Unsinn seiner Thesen ist damit noch nichts gesagt.)”
Die Süddeutsche Zeitung selbst macht sich nun die Mühe und stellt unter dem Titel “Was Gauck wirklich gesagt hat” übersichtlich dar, was an den über Gauck verbreiteten Zitaten stimmt und was nicht.
Fazit: Wenn sich Journalisten nicht die Mühe machen, Gaucks Äußerungen zu Thilo Sarrazin ausführlich und vollständig zu zitieren, wirkt er schnell zu Unrecht wie ein Ausländerhasser.
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Dieser Artikel ist auch auf Medien Monitor erschienen.
